Niederwald in Rheinhessen

Was ist Niederwald?

Niederwald ist eine historische Form der Eichen-Waldwirtschaft, bei der ein Waldstück in kleine Parzellen eingeteilt wird, von denen in regelmäßigem Abstand eine kahlgeschlagen ("auf den Stock gesetzt") wird. Die verbleibenden Baumstümpfe treiben daraufhin wieder aus und bilden einen neuen Waldbestand. Es entsteht ein Mosaik unterschiedlich alter Waldstücke.

Eine auf den Stock gesetzte Fläche. Mit "auf den Stock setzen" bezeichnen die Forstleute das Ernten von Stockausschlägen

Im Niederwaldbetrieb wurden die Bäume in der Regel ab einem Alter von 20 bis 30 Jahren gefällt. Besonders Eichen konnten sich dann aus eigener Kraft durch Stockausschlag (Austreiben des Baumstumpfes) oder aber durch den Austrieb der Wurzeln selbst wieder erneuern. Diese Fähigkeit lässt bei einem höheren Alter der Bäume nach. Niederwälder lieferten zuverlässig Brennholz und gerbstoffreiche "Lohrinde", die für die Ledergerberei genutzt wurde. In bestimmten Phasen der Waldentwicklung einer Parzelle wurde diese nebenher auch landwirtschaftlich genutzt.

Die wiederkehrende intensive Nutzung der gesamten Bäume, ihrer Zweige und oft auch des Laubes als Einstreu führte im Mittelalter zur Verarmung und Auswaschung der Bodennährstoffe. Die klassische intensive Niederwaldwirtschaft entspricht daher nicht unseren heutigen Vorstellungen einer nachhaltigen Waldwirtschaft.

Geschichte

Der Niederwald war die in Rheinland-Pfalz vor gut 200 Jahren vorherrschende Bewirtschaftungsart. Die ersten geschichtlich überlieferten Anfänge finden wir in Deutschland im 13. Jahrhundert. Wir wissen aus den forstlichen Unterlagen des Forstamtes, dass in früheren Jahrhunderten das „Vorholz“ niederwaldartig bewirtschaftet wurde. In Rheinhessen dominierte der Eichen-Niederwald, in dem die Traubeneiche, seltener die Stieleiche, die Hauptbaumart bildete. Je nach den standörtlichen Verhältnissen kamen noch Hainbuche, Sandbirke und Haselnuss vor.

Niederwälder wurden mit der Entwicklung chemischer Gerb-Methoden ab den 1950er Jahren seltener und schließlich aufgegeben. Die Eichenlohe wurde nicht mehr für die Lederindustrie benötigt und ein Niederwald lieferte im Vergleich zum Hochwald nur wenig und geringwertiges Holz. Bereits vor 200 Jahren begannen einzelne Forstverwaltungen im deutschen Gebiet, den Niederwald zu beseitigen und in Hochwald umzuwandeln. Andere Baumarten wurden auf die bisherigen Niederwaldflächen eingebracht, so z. B. vielerorts die Douglasie, die Fichte, selten auch die Kiefer. Oftmals wurden die Niederwälder wie „Hochwälder“ behandelt. Die besten Exemplare der Eichen wurden übernommen und wachsen gelassen. Aus diesen ehemaligen Niederwäldern sind die meisten der heutigen Hochwälder im Vorholz und in Rheinhessen entstanden.

Niederwald heute

Inzwischen ist der Anteil des Niederwaldes an der Gesamtwaldfläche in Deutschland auf weniger als 3 Prozent gesunken, wobei der Schwerpunkt des Niederwaldes in Rheinland-Pfalz liegt. Vor allem im nördlichen Landesteil von Rheinland-Pfalz an Mosel, Rhein, Lahn, Nahe und Ahr hat der Niederwald noch eine große Bedeutung. In Rheinhessen jedoch wird die Niederwaldbewirtschaftung seit einigen Jahrzehnten von der Forstverwaltung nicht mehr betrieben. Dennoch erkennt man noch heute das Erbe der alten Bewirtschaftungsform:

Die heutigen laubholzreichen Waldbilder Rheinhessens sind das Ergebnis einer jahrhundertelangen Nutzung als Niederwälder. In den vergangenen Jahrhunderten wurden Eichen und Hainbuchen begünstigt. Immer wieder bereichern das Waldbild besonders seltene, wärme- und lichtliebende Baumarten wie Speierling, Elsbeere, Mehlbeere und Feldahorn. In vielen Eichenwäldern kann man auch heute noch verdickte, knorrige Wurzelansätze finden. Dieses Holzgewebe bildeten die Niederwald-Bäume, um die durch die wiederkehrenden Fällungen verursachten Wunden abzuschotten. 

 

Naturschutz und ökologischer Wert

Für viele Arten war der Nieder- oder Mittelwald ein idealer Lebensraum. Hier drangen Licht und Wärme bis auf den Boden vor und es gab viele kleinflächige Wechsel der Waldstruktur. Davon profitieren seltene Pflanzen und Orchideen, aber auch Vögel wie der Mittelspecht oder das Haselhuhn. Konkurrenzschwache Baumarten hatten eine Chance, sich gegen andere Arten durchzusetzen. 

Als Biotoptypen gehören niederwaldartige Waldstrukturen zu den gefährdeten Biotoptypen in Rheinland-Pfalz und in Deutschland. Niederwälder stehen in ihrer Ausprägung zwischen Offenlandtypen und den Waldbiotopen. In letzter Zeit gewannen sie als Ausgleichsflächen und Maßnahme zur ökologischen Aufwertung wieder an Bedeutung.