Historische Waldnutzungsform

Die Niederwälder in unserer Region sind in den Seitentälern der Nahe landschaftsprägend und haben eine lange kul­turhistorische Tradition. Die Niederwaldwirtschaft war über Jahrhun­derte hinweg eine bedeutende Betriebsart. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert veränderten sich die Rahmenbedingungen. Das führte zur Umwandlung oder Überführung vieler Nieder­wälder in Hochwälder. Dennoch gibt es im Forstamt Idarwald aus Stockausschlag entstandene Wälder, vor allem im Gemeindewald.

 

Wie funktioniert ein Niederwald?

In den ehemaligen Niederwäldern der Region wachsen in der Regel Eichen, Hainbuchen, Birken und viele andere Laubbaumarten. In einem regelmäßigen Zyklus von 15 bis 30 Jahren wurden die Bäume geerntet und dazu im Frühjahr auf den Stock gesetzt. Aus den Stöcken entwickelte sich eine Vielzahl neuer Triebe, der Stockausschlag. Die jungen Bäume wuchsen zu einem neuen Stockausschlagwald heran.

 

Historische Nutzung

Die geernteten Eichenbäume oder Lohbäume wurden im Mai zur Saftzeit der Eichen geschält. Dabei verwendeten die Waldarbeiter einen Lohlöffel, einen etwa 30 cm langen Metalllöffel mit Holzgriff. Die beim Lohmachen gewonnene Rinde wurde als Grundstoff zum Gerben von Tierhäuten zu Leder verwendet. In Kirn, der nahe liegenden Stadt des Leders, verkauften die Lohmacher ihre Rinde. Seit dem 18. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre war Kirn eines der größten Zentren der Lederindustrie in Deutschland und Europa.

Die Eichenlohe aus Niederwald hat einen vergleichsweise höheren Gerbstoffgehalt gegenüber der Lohe aus Kernwüchsen (ein Baum, der aus Samen erwächst). Heute werden anstelle der pflanzlichen Gerbstoffe chemisch hergestellte Produkte verwendet. Das Lohmachen war eine harte Arbeit, die körperliches Geschick und viel Ausdauer verlangte. In der "Erlebniswelt Wald und Natur" auf Schloss Wartenstein bei Kirn kann man sich heute noch über die einzelnen Arbeitsschritte rund um die Lohe informieren.

Das Holz der Lohbäume wurde bei der Herstellung von Holzkohle, Weinbergspfählen, Grubenholzstempeln und als Brennholz verwendet.

Allerdings lässt das Ausschlagvermögen der Eichen bei einem Alter von 30 Jahren deutlich nach; daher in früheren Zeiten die kurze Umtriebszeit. Die Ausschlagfähigkeit differiert von Standort zu Standort. Fragwürdig bleibt die Bewirtschaftung dennoch wegen er Frage nach der Stabilität und der nachlassenden Vitalität dieser Bestände auf Dauer.

 

Artenreichtum durch abwechselnd offene und geschlossene Strukturen

Mit dem Ziel der Biotop- und Artenpflege werden allerdings heute sogenannte "Taschen" für das Haselhuhn angelegt. Vorhandene wertvolle Bäume pflegt der Waldbesitzer heraus und pflanzt seltene Baumarten an; der Wald gewinnt damit an Wert.

Lichte Phasen im Waldbestand wechseln mit dunkleren, geschlossenen  Phasen ab. Dies begünstigt den Artenreichtum. Für die linksrhei­nischen ehemaligen Niederwälder von Rheinland-Pfalz ist sogar dokumentiert, dass sie vergleichsweise artenreiche Wald- und Pflanzengesellschaften auf­weisen. Mit der floristischen Vielfalt nimmt auch die Anzahl der mit den vorkommenden Pflanzen vergesellschafteten Tierarten zu. Die vielfältigen Lebensräume bieten genügend Deckung für verschiedene Vogelarten wie Haselhuhn, Zipp-Ammer, Wald-Schnepfe, Sperber, Ziegenmelker, Kernbeißer, Kleiber und verschiedene Spechtarten, aber auch wärmeliebende Tagfalter, Fledermäuse und Bilche neben anderen Kleinsäugern. Die faunistische Ausstattung ist sehr unterschiedlich und hängt vom jeweiligen Niederwaldtypus ab.

 Stockausschlagwälder bieten eine Vielfalt an Biotopen, Rand- und In­nenstrukturen. Obwohl die ehemaligen Niederwälder ein durch häufige menschliche Eingriffe geschaffenes Kulturprodukt sind, konnten durch diese historische Art der Bewirtschaftung Waldöko­systeme entstehen, die auch heute eine hohe Bedeutung für den Natur- und Ressourcenschutz haben.